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2003 Staunen lernen mit Van Gogh

„Weißt Du, was das Gefängnis verschwinden lässt? Jede ernste, tiefe Neigung, Freund sein, Bruder sein, lieben, das öffnet das Gefängnis mit souveräner Macht, mit übermächtigem Zauber.
Aber da, wo Liebe neu geboren wird, wird das Leben neu geboren.“ Van Gogh Cuesmes, Juli 1880

„Auch ein Kind in der Wiege, wenn man es in Ruhe betrachtet, hat das Unendliche in den Augen. Nun, ich weiß nichts darüber, aber gerade dieses Gefühl, nichts zu wissen, macht das wirkliche Leben, das wir tatsächlich leben, einer Eisenbahnfahrt ohne Rückfahrkarte vergleichbar. ....“ Van Gogh Arles, 6. August 1888

 Samstag, 8. Februar 2003
Präsentation von Briefen und Bildern von Van Gogh (Hofkirchensaal Bruchsal, 8. Februar 2003)

Aus der Begrüßung zur Präsentation von Briefen und Bildern von Van Gogh

„Nichts Geringeres tut uns Not, als das Unendliche und das Wunderbare, und der Mensch tut gut daran, sich mit nichts Geringerem zufrieden zu geben.“ Ich begrüße Sie meine sehr geehrten Damen und Herren und euch Freunde zu diesem Abend mit Briefausschnitten und Bildern von Van Gogh. Vincent van Gogh, geb. am 30.März 1853 in Groot Zundert (Niederlande), schrieb 821 Briefe, allein 668 an seinen Bruder Theo. Über 1300 Gemälde hinterließ der Künstler der Nachwelt.
Eine Reihe bekannter und weniger bekannter Bilder von Vincent van Gogh mit persönlichen Briefen des Malers „kombiniert“ stellte die als Autorin tätige Graphikerin Raffaela Zardoni ins Netz. Die von ihr getroffene Auswahl hat uns sehr beeindruckt, weil sie eine beeindruckende Menschlichkeit Vincents van Gogh herausstellte.



Das unbedingte Streben, das im obigen Zitat zum Ausdruck kommt, ist prägend für sein ganzes Leben. So schrieb er 1881 an Theo:
„Keinen Groschen gäbe ich fürs Leben, wenn es nicht etwas Unendliches gäbe, etwas Tiefes, etwas Wirkliches.“
Dies veranlasste ihn nach seiner Ausbildung und Arbeit als Kunsthändler in Paris und London eine theologische oder geistliche Arbeit anzustreben. Auch wenn er auf diesem Weg bald an unüberwindliche Grenzen stieß, so blieb dieser innere Antrieb erhalten. In einem Brief 1888 schreibt er an seinen Bruder Theo:
„Auch ein Kind in der Wiege, wenn man es in Ruhe betrachtet, hat das Unendliche in den Augen“

Das bestätigt sich auch in seinem künstlerischen Selbstverständnis, sowohl darin, wie er seine Kunst versteht, als auch in dem, und was er mit seiner Kunst den Menschen geben will.

„.... die Welt geht mich nur insofern etwas an, als ich sozusagen eine gewisse Schuld und Verpflichtung habe – weil ich nämlich 30 Jahre auf dieser Welt umhermarschiert bin – aus Dankbarkeit. Was will ich? Die Menschen mit ihrem irdischen Schicksal versöhnen. Ich würde gerne eine Kunst schaffen, die den Menschen Trost bringt.“

Gegen Am Ende seines Weges schreibt er in seinem Kommentar zu den beiden letzten Bildern – „Weizenfeld und Raben“ – und – „Weizenfeld unter einem Gewitterhimmel“ – (wir werden sie am Ende betrachten können), „dass diese Bilder zeigen, was er an Heilendem und Heilem“ in der Natur sehe.

Dabei war sein persönliches Leben nicht ohne Dramatik. „Wer wird der Seele wiedergeben, was die Stürme der Zeiten ihr genommen haben?“ schreibt er an seine Schwester Willemina und artikuliert damit den Schrei eines Menschen des 19 Jahrhunderts, dem die Mitte des Lebens verloren gegangen ist und der sich ganz auf die eigene Existenz verwiesen sah. Ein Schrei, der sich in einem Brief 1880, als Vincent ins Kohledistrict der Borinage (eine der rostlosesten Gegenden in Belgien) zurückgekehrt war, zur Frage artikulierte: „Wozu nur könnte ich taugen, wozu könnte ich dienen...“ .

Dieses dramatische Suchen und Streben durchwirkt entscheidend seinen künstlerischen Weg. Zum Bild „Herbstlandschaft in der Dämmerung“ (wir werden es unter den ersten Bildern betrachten können) schreibt er seinem Bruder: „ Es kam darauf an....die Tiefe der Farbe heraus zu kriegen, die gewaltige Kraft und Festigkeit dieses Bodens, und doch habe ich beim Malen gemerkt, wie viel Licht noch in dieser Dunkelheit steckte. .....ich gehe nicht weg, bevor nicht etwas Herbstabendliches drin ist, etwas Geheimnisvolles, etwas, wo Ernst drin steckt.“ Zu seinem Wunsch, Gestalten zu malen schreibt er aus Arles Theo als Anmerkung zum Bildnis Camille Roulin im Jahre 1888: „Das ist die einzige Sache, die mich ganz ergreift, und die mich, mehr als alles andere das Unendliche verspüren lässt. .... Ich möchte Männer und Frauen malen, die – wie soll ich sagen – einen Hauch von Ewigkeit haben, was früher der Heiligenschein symbolisierte, und was wir mit demselben Strahlen, mit der Vibration der Farben wiederzugeben versuchen.“
„Seine Bilder“, so Ingo Walter, Koordinator Autor und Verleger internationaler Ausstellungskataloge „malte er um eines Augenblickes willen, der in der Hingabe an das winzigste Detail ein Gefühl umfassender Ordnung verspürt. Das ganz Kleine und das allgewaltige Große waren nur von einem gemeinsamen Bezugspunkt her zu fassen“

Gerade in der „Kombination“ seiner Bilder und Briefe, welche mehr als nur ein Kommentar zu seinen Bilder zu verstehen sind, scheint das Ringen um die Frage was menschlich ist und wie die Welt zu betrachten ist, auf.
„Die malerische und die sprachliche Äußerung sind die beiden Kehrseiten der einen Medaille, die beiden parallelen Medien eines Ausdruckwillens, der kaum an sich halten kann.“ Darin wird die Dramatik seines, aber vielleicht auch unseres Lebens deutlich.
Was schön wirkt – wirklich schön, - ist auch wahr.
Dass die Bilder schön wirken, zeigt seine Wirkung heute. Man findet sie als Druck in der Küche hängend und zugleich auf den teuersten Auktionen.
Warum?
Wie hörten wir in einem Zitat zu Beginn:
„Nichts Geringeres tut uns Not, als das Unendliche und das Wunderbare, und der Mensch tut gut daran, sich mit nichts Geringerem zufrieden zu geben.“

Van Gogh gab sich mit nichts geringerem zufrieden

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