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Etty Hillesum - Zeugnis einer Menschlichkeit

„Auch wenn uns nur eine enge Straße bleibt, auf der wir gehen dürfen, steht über dieser Straße der Himmel.“ (Etty Hillesum)

Zeugnis einer Menschlichkeit –

im Kontext des Bündnisses für Menschlichkeit

Am Donnerstag, den 10. November 1941, schreibt eine jüdische Frau von 27 Jahren namens Etty Hillesum in ihrem Tagebuch „DAS DENKENDE HERZ DER BARACKE“:

„Lebensangst auf der ganzen Linie. Völliger Zusammenbruch. Mangel an Selbstvertrauen. Abscheu. Angst.“ Ein halbes Jahr später, im Juli 1942, Etty war schon im Durchgangslager Westerbork, lesen wir dann: „Gut, diese neue Gewissheit, dass man unsere totale Vernichtung will, nehme ich hin. (…) Die eine Gewissheit darf durch die andere weder geschwächt noch entkräftet werden. Ich arbeite und lebe weiter mit derselben Überzeugtheit und finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll.“

Wie ist solch eine persönliche Entwicklung möglich?

Das letzte Lebenszeichen war eine Postkarte von ihr, die ein Bauer zufällig an den Bahngleisen Richtung Auschwitz fand. Er las: „Wir haben das Lager singend verlassen. Auf Wiedersehen!“ Zwei Monate später, am 30. November 1943, war sie tot.

 

Die holländische Jüdin Etty Hillesum reflektiert in ihrem Tagebuch ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Freunde. Sie ist sich des Elends und des Unterganges ihres Volkes sehr bewusst. Trotzdem notiert sie, als sie bereits einige Zeit im Durchgangslager lebt:

„Ach, wir tragen alles mit uns, Gott und den Himmel, Hölle und Erde, Leben und Tod […] und die Umstände sind nie entscheidend, da es immer Umstände gibt, gute und schlechte […] Aber man muss sich im klaren sein, aus welchen Motiven man den Kampf aufnimmt, und man muss bei sich selbst anfangen, jeden Tag von neuem.“

Kurz vor dem angesagten Demonstrationszug der „Rechten“ am 19. März in Bruchsal unter dem Schlagwort „Tag der Heimattreue“ soll dies eine aufrüttelnde Mahnung sein. Mit Recht und notwendiger Weise wurde diesem Demonstrationszug das Aktionsbündnis „Wir für Menschlichkeit“ ein „Bürgerfest und eine Gegendemonstration als Zeichen des Widerstandes gegen die rechtsextremen Umtriebe in Bruchsal“ entgegenstellt. Ihm soll unterstützend ein „leuchtendes Zeugnis einer Menschlichkeit“ an die Seite gestellt werden.

Ettys Worte haben die Kraft, ein jedes Herz zu berühren und zu öffnen, ganz im Sinne der Fastenaktion der evangelischen Kirche „Sieben Wochen ohne Enge“, an die Pfarrer Ritzler in seiner Aschermittwoch-Predigt erinnerte. 

Wer war Etty Hillesum? (1914 – 1943) Sie war eine lebensbejahende Frau. Sie studierte und promovierte in Jura und slawistischen Sprachen in Amsterdam und bildete sich psychologisch weiter. Sie war 26 Jahre alt, als die Niederlande besetzt wurden. Damit war sie als Jüdin unmittelbar von den Geschehnissen betroffen. Eine Zeit lang wurde sie begleitet von Julius Spier, einem Chiroanalytiker, der ihr zum Aufzeichnen ihrer Gedanken riet. Ebenfalls waren ihr literarische Begleiter Rilke und Augustinus, deren Schriften sie mit nach Ausschwitz nahm.

Gemeinsam mit ihren Eltern wurde sie in das Judendurchgangslager Kamp Westerbork und von dort aus nach Ausschwitz gebracht.

Von der Erfahrung einer Sinnlosigkeit zur Erfahrung eines sinnerfüllten Lebens, - trotz Naziterror

 

Wenige Zitate aus ihrem Buch beleuchten die rasante Entwicklung eines Menschen, der sich in eine bewusste Auseinandersetzung angesichts der drohenden Vernichtung begibt: Am 14. Juni 1941 schreib sie:

„Wieder Verhaftungen, Terror, Konzentrationslager, willkürliches Abholen von Vätern, Brüdern, Schwestern. Man sucht nach dem Sinn des Lebens und fragt sich, ob es überhaupt noch einen Sinn hat. … Jedenfalls habe ich zur Zeit allen Zusammenhang mit dem Leben und den Dingen verloren.

Im September 1941 verändert sich ihre Haltung: „Ich will dieses Jahrhundert kennenlernen, von außen und von innen.“

Am 7. Juli 1943 lesen wir dann:Es ist, als fielen jeden Augenblick mehr Lasten von mir ab, als wären alle Grenzen für mich aufgehoben, die heutzutage die Menschen und Völker trennen. In manchen Augenblicken kommt es mir vor, als wäre das Leben für mich durchsichtig geworden, und auch die Herzen der Menschen, ich schaue und schaue und begreife immer mehr, und ich werde innerlich immer friedvoller, in mir ist ein Vertrauen auf Gott, das mich zunächst durch sein rasches Wachstum fast ängstigte, das mir nun aber immer mehr zu eigen wir.“

Was war passiert? Woher nimmt sie die Kraft, so etwas sagen zu können? Sie selbst spricht von einer „Urkraft, (die darin) besteht, dass man, auch wenn man elend umkommt, bis zum letzten Augenblick das Leben als sinnvoll und schön empfindet in dem Gefühl, dass man alles in sich verwirklicht hat und dass es gut war zu leben.“

Sie verweigert sich einer instinktiven Gegenreaktion

Etty Hillesum erwähnt den Krieg erstmals eine Woche nach ihrem ersten Tagebucheintrag. Besorgt äußert sie sich über den (verständlichen) tiefgehenden Hass ihrer Freunde gegen die Deutschen. Am Ende dieses frühen Eintrags schreibt sie selbstkritisch in ihr Tagebuch:

"Die Nazi Barbarei erweckt in uns eine vergleichbare Tendenz. Hätten wir dieser Tage die Möglichkeit dazu, wir würden die gleichen Methoden anwenden. Wir müssen diese Barbarei im Herzen ablehnen, wir dürfen diesen Hass nicht in uns kultivieren, weil es nicht helfen wird, diese Welt wieder aus dem Abgrund zu ziehen."

Hier spricht eine Persönlichkeit, die nicht aus moralischen Gründen den Hass ablehnt, sondern aus der Sorge heraus, dass er ihr die innere Freiheit nimmt. Sie lässt sich nicht bestimmen von „Aktion – Reaktion“, wie auch das Aktionsbündnis nicht bei einer Gegendemo stehen bleibt, sondern diese mit einem Fest der Menschlichkeit umrahmt. Es wird deutlich, dass Etty für sich einen Stand sucht, der ihr die persönliche Freiheit sichert.

 

Juli 1942: "Das eine Mal ist es ein Hitler, ein andermal meinetwegen ein Iwan der Schreckliche, einmal ist es Resignation, ein andermal sind es Kriege, Pest, Erdbeben oder Hungersnot. Entscheidend ist letzten Endes, wie man das Leiden, das in diesem Leben eine wesentliche Rolle spielt, trägt und erträgt und innerlich verarbeitet und dass man einen Teil seiner Seele unverletzt über alles hinwegrettet."

Beeindruckend werden diese und die folgenden Worten durch den Umstand, dass sie im Durchgangslager Westerbork verfasst sind:

Im Juni 1942: „Der Frieden kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Hass gegen die Mitmenschen, gleich welche Rasse oder welchen Volkes in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Hass mehr ist, sondern auf weite Sicht sogar zu Liebe werden könnte. … Ich bin ein glücklicher Mensch und preise dieses Leben, jawohl, im Jahre des Herrn 1942, dem soundsovielten Kriegsjahr.“

Eine Haltung, die für sie zum Ursprung einer stetig wachsenden inneren Freiheit wird und zu prägnanten Urteilen über das führt, was um sie herum geschieht.

„Zur Erniedrigung sind zwei Leute notwendig. Einer, der erniedrigt, und einer, […] der sich erniedrigen lässt. Entfällt das letztere, […] dann verpuffen die Erniedrigungen in der Luft.“

Urteile, welche selbst menschliche Gefühle des Mitleides mit dem Feind zulassen konnten: Von was muss ein Mensch getragen sein, der solche Worte angesichts der Barbarei gegen sich selbst und seine Freunde schreiben kann?

"Er sah gequält und aufgeregt aus, übrigens auch recht unangenehm und schlapp. Am liebsten hätte ich ihn gleich in psychologische Behandlung genommen."

Je intensiver ihre Auseinandersetzung wurde, desto mehr wurde sie zu einem Dialog mit dem Geheimnis, dem sie am Ende den Namen Gott gibt. Sie beginnt, die Welt um sich herum mit anderen Augen zu sehen. Im Vorwort zur Ausgabe „Das denkende Herz der Baracke“ zitierte der Herausgeber Gaarlandt, was sie kurz vor ihrem Tode über sich selber schrieb:

„Ich ruhe in mir selbst. Und jenes Selbst, das Allertiefste und Allerreichste in mir, in dem ich ruhe, nenne ich Gott. (…) und sie sagen: mich sollen sie nicht in ihren Klauen bekommen. Und sie vergessen, dass man in deinen Armen in niemandes Klauen mehr ist.“

Wer wünschte sich nicht diese Freiheit für sein eigenes Leben? Eine Freiheit, geprägt von Mitleid mit den Leidenden, denen sie eine Stimme geben möchte, wie es das nebenstehende Zitat zeigt.

Eine Freiheit, die sogar angesichts der eigenen Vernichtung noch Erbarmen mit dem Feind empfinden kann.

Wir wünschen uns allen, dem Bündnis für Menschlichkeit, allen teilnehmenden Personen, den Menschen, für die sie eintreten und gegen die sie auftreten, ein Gespür für diese Menschlichkeit.

(Hubert Keßler, Julia Meisel,

Kulturinitiative e.V.)

(Die Zitate sind dem rororo Band „Das denkende Herz, Die Taschenbücher von Etty Hillesum 1941-1943 entnommen.)

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